Zwischen Yosemite und der Seceda liegen Welten – und ich meine nicht nur geographisch. Der amerikanische Naturpark ist eine perfekt orchestrierte Erlebniszone mit Ranger-Hut, Einbahnstraße und Selfie-Spot-Schildern. Disneyland mit Felskulisse. Wer hier wildes Amerika sucht, bekommt es kuratiert serviert – gegen Eintritt, versteht sich.
Ganz anders unsere Alpen: ein realer Lebensraum. Der am dichtesten besiedelte Alpenraum der Welt, durchzogen von Forschungseinrichtungen, Gewerbegebieten, Milchviehbetrieben und avantgardistischer Kreativwirtschaft. Kein Dekor, sondern gelebter Alltag. Genau das aber macht ihn so verwundbar.
Denn was passiert, wenn diese komplexe Kulturlandschaft zunehmend zur Kulisse einer digitalen Erlebnisökonomie wird? Wenn Menschen, die sich nie als Touristen bezeichnen würden, durch Instagram in eine Art kollektiven Herdentrieb verfallen? Dann entstehen Epizentren des Wahnsinns. Und ja – Epizentrierung ist das passende Wort für diesen neuen Effekt. Es beschreibt, wie sich die globale Aufmerksamkeit in immer engeren Kegeln auf einzelne Spots fokussiert – algorithmisch befeuert, touristisch entgrenzt, realitätsblind.
Aktuelles Beispiel: die Seceda in Südtirol. Ein atemberaubendes Panorama, ohne Frage – aber plötzlich Must-Go für alle, die einmal im Leben „einen richtigen Berg“ ins Internet laden wollen. Das Resultat? Flurschäden, Müll, Konflikte, Haftungsfragen – und jetzt: ein Drehkreuz mit Münzeinwurf.
Natürlich ein Symbolakt, doch zugleich ein Vorbote. Die Zeiten der unbezahlten Freiheit scheinen vorbei. 5 Euro kostet der Weg. Ein Lenkungseffekt? Lächerlich. Wer Tausende für einen Europa-Trip ausgibt, lässt sich von einer Münze nicht stoppen. Venedig lässt grüßen.
Aber vielleicht ist das der Weg.
Die Hotspots nicht mehr zu verdrängen oder zu romantisieren, sondern sie strategisch zu akzeptieren und gestalten – inklusive Eintritt, Infrastruktur und klarer Verkehrslogistik. Tourismus als Kanalisierung, nicht als Hoffnung auf Einsicht.
Und wir, die ach so bewussten Reisenden, die sich intellektuell vom Begriff „Tourist“ distanzieren, werden um eine neue Kompetenz nicht herumkommen: Reiseintelligenz. Wer künftig ungestört reisen will, braucht mehr als einen Reiseführer. Er braucht ein Gespür für Algorithmen, Massenbewegungen und symbolpolitische Drehkreuze. Sonst steht er bald im Stau der Erwartungshaltungen, die wir selbst mit jedem Klick erzeugen.
Für uns eine Bestätigung, weiter Inspiration zu liefern. Für fortgeschrittene Reisende, die mehr als Konsum an berühmten Orten suchen.

