CHARAKTER STATT
INSZENIERUNG.

Auf der Rudolfshütte im Herzen
der Hohen Tauern: Ein Ort mit Alpinsportgeschichte
der in die Zukunft geht.

Auch wenn es heute schwer vorstellbar ist, aber es gab eine Zeit, da war Bergsport eine Randerscheinung. Eine Nische für Pioniere und extreme Persönlichkeiten, die immer nach neuen Herausforderungen suchten. Und es gab wenige Hotspots, wo sich diese Szene traf, um für neue Abenteuer zu trainieren und die Grenzen des Möglichen zu verschieben. Ein solcher Ort lag im Herzen des Nationalparks Hohe Tauern, unweit des höchsten Berges Österreichs – dem Großglockner. Auf 2.300 Meter baute der Alpenverein die 1875 erbaute Rudolfshütte zu einem ambitionierten Ausbildungszentrum für Alpinisten aus, welches aufgrund seiner Größe mehr Berghotel mit Hüttencharakter war.

Umrahmt von vielen über 3.000 Meter hohen Gipfeln, setzte es neue Maßstäbe. Moderne Schulungsräume, eine überhängende Indoor Kletterhalle über der Rezeption (in der Mitte des Hotels!), Fitnessraum und Schwimmbad, das später zu einem der ersten Boulderräume des Landes umgebaut wurde. Das alles inmitten der hochalpinen Region und nur mit Gondel oder zu Fuß erreichbar. Rückblickend irgendwie verrückt visionär, auch wenn das Projekt für den Alpenverein am Ende wirtschaftlich scheiterte und an die private Holleis Hotelgruppe verkauft wurde. Heute könnte man auch analysieren, man war einfach zu früh dran.

Unsere Anreise führt uns ins Zillertal, einem Epizentrum des österreichischen Skitourismus. Kolonnenverkehr und Stau haben das Tal im Winter regelmäßig im Griff. Ein Produkt seines Erfolges. Kurz vor dem Talende, biegen wir ab, um über den Gerlospass ins Oberpinzgau zu fahren. Eine traumhafte Gegend zwischen Kitzbüheler Grasbergen und den schroffen Gipfeln der Hohen Tauern. Dort, wo man vom Gerlospass runterkommt, stürzen sich die mächtigen Krimmler Wasserfälle ins Tal. Unterwegs in Richtung Zell am See, bleiben wir in Mittersill kurz stehen, um die Nussschnecken der Bäckerei Tildach am Hauptplatz zu genießen, die hier noch zum Handwerk und nicht zur Industrieproduktion zählt. Und selbst die selten gewordenen Schaumrollen gibt es hier. Zumindest bis Mittag, dann sind sie ausverkauft, erzählt uns die Verkäuferin lachend.

Bei Uttendorf biegen wir dann ins unscheinbare Stubachtal ab. Charakteristisch für diese Nord-Süd Täler – von außen kann man selten erahnen, welche traumhaften Bergkulissen sich darin öffnen.

Nach dem Gerlospass ist die kurvenreiche Bergstraße bis zur Talstation auf 1.400 Metern der zweite Genuss – was dem sportlichen 5er BMW zu verdanken ist, der uns entsprechend unserer Vorfreude, den Berg hinauf katapultiert. Die Talstation der Weißsee Gletscherwelt liegt am Enzingerboden, dessen Geschichte man gut erkennen kann. Das Gebiet wurde im Zuge des Baus von den mächtigen Staudämmen des Tauernmoossees und des Weißsees erschlossen. Die Stromproduktion liefert heute den größten Teil der Energie für den Betrieb der Hochgeschwindigkeitsstrecke der österreichischen Bundesbahn zwischen Wien und Salzburg.

Mit dem Einstieg in die Gondel, beginnt unsere Reise in die alpinistische Vergangenheit. Wie vieles ist auch sie mit der Zeit stehen geblieben, wurde nie substanziell erneuert und wirkt heute putzig und langsam. Bis heute führt keine Straße zum Hotel. Die Seilbahn ist weiterhin dessen Lebensader und führt vorbei an vereisten Wasserfällen, die sich im Sommer von den Gletschern in die Stauseen stürzen. Erst kurz vor der Bergstation, die inzwischen mit dem Hotel zusammengewachsen ist, öffnet sich das vollständige, eindrucksvolle Panorama. Das Hotel liegt nicht bei den Bergen, es liegt mitten drinnen.

Rudolfshütte
Rudolfshütte

Wirtschaftlich ist die Lage ambitioniert und die Hotelgruppe hat in den letzten Jahren viel investiert, um die Rudolfshütte an die Anforderungen eines modernen Berghotels aufzurüsten. Doch diese Entwicklung gleicht mehr einer langsamen Metamorphose, als einer brutalen Erneuerung – und das ist gut so. So ist die Geschichte des Hauses weiterhin an vielen Ecken präsent. In Form von Bildern, die schon 20 Jahre hängen und von den alpinistischen Pionierleistungen erzählen. Auch die mächtige Kletterhalle ist noch da, die wie ein Dom die Mitte des Hotels bildet und von allen Gängen aus zu sehen ist. Nur geklettert wird heute weniger. Die Gipfelstürmer wurden zum größten Teil von Familien aus dem Flachland abgelöst, die das Bergerlebnis suchen.

Doch Wehmut darüber ist nicht notwendig. Das Haus hat mit der mutigen Übernahme eine zweite Chance bekommen. Ein unternehmerisches Leidenschaftsprojekt des Hoteliers aus Zell am See, der für die Zukunft der Rudolfshütte kämpft.

Der Boulderraum wurde wieder zum Schwimmbad zurückgebaut und aus dem Schulungsraum für Alpinisten wurde eine Hotellobby mit Couches. Diese stilistischen Verwerfungen zwischen alpinem Ausbildungszentrum und drei Sterne Familienhotel sind spürbar. Zum Beispiel bei der Zaubershow für Kinder am Abend, während wir an der Bar den Bergführer Fritz kennenlernen, der seit 30 Jahren (!) hier Touren auf die Gipfel führt. Er war selbst einer der damaligen Draufgänger. Heute eröffnet er mit seiner Erfahrung unerfahrenen Hotelgästen die hochalpine Wunderwelt und erzählt am Abend über waghalsigen Aktionen einer vergangenen Zeit.

Ein starker Charakter, eng verbunden mit diesem besonderen Ort, ebenso wie Franz, der Chef der Bergstation. Seit seiner Jugend kümmert er sich um den Betrieb der Gondel, in wenigen Jahren geht er in Pension. Wir fragen uns, ob er sich einen Alltag ohne das Geräusch der an- und abfahrenden Gondeln vorstellen kann, während wir das originale Telefon im Kontrollzentrum aus vergangenen Zeiten bewundern.

Es ist anders hier oben– alles. Auch das Skigebiet. Der Sessellift, der bis auf 2.600 Meter zur Grenze zwischen Salzburg und Osttirol führt, ist wie der 3G Empfang am Smartphone – entschleunigend. Doch bei diesem Panorama ist das verkraftbar. Auch wenn der Winter bei unserem Besuch noch nicht in Fahrt gekommen ist, so kann man die genialen Freeride und Skitouren Möglichkeiten erkennen, die das Gebiet anbietet. Das haben selbst die Profis der Open Faces Freeride Series für sich entdeckt. Es hatte einen guten Grund, weshalb der Alpenverein das Alpinzentrum gerade hier baute.

Am Abend borgen wir uns Schneeschuhe bei Gerhard aus. Der pensionierte Architekt aus der Steiermark betreut den Skiverleih im Haus. Seine Gelassenheit kann schon mal Ungeduld hervorrufen, die er mit Humor und Freundlichkeit zerstreut. Am Abend treffen wir uns mit ihm an der Bar. Auch Bergführer Fritz und Haustechniker Franz sind wieder dabei. Früher waren ihre Nächte hier länger, erzählen sie und schmunzeln spitzbübisch. Einmalig.

Am nächsten Tag peitscht ein Schneesturm an die Schindeln der Rudolfshütte. Endlich Schnee und wir machen uns auf zu einem kleinen Abenteuer. Mit den Schneeschuhen überqueren wir die verschneite Staumauer des Weißsees, die rund 60 Meter hoch ist. Dort am anderen Ende liegt irgendwo, begraben unter den Schneemassen, ein alter Stollen, den die Arbeiter beim Bau des Staudamms als Schlafstätte verwendet haben. Wir wollen ihn finden und uns einen Zugang graben.

Wir geben dem Kind in uns Raum und graben eifrig, während die Schneekristalle in unserem Gesicht brennen, die der Wind von allen Seiten auf uns wirft. Dann sind wir erfolgreich und robben durch die kleine Öffnung nach innen. Drinnen hat es konstant über 0 Grad und wir lassen die 1000 Meter Gestein über unseren Köpfen wirken. Ein Micro Adventure, das uns in Erinnerung bleiben wird.

Rudolfshütte

Es ist unser letzter Abend und wir gehen in der Nacht nochmals raus. Der Sturm hat sich gelegt, die Wolken sind verzogen und wir kommen in den Genuss eines Anblickes, den die meisten Stadtbewohner nicht kennen: Den Sternenhimmel. Und damit meinen wir den wirklichen, mit unzähligen, funkelnden Sternen gepflasterten Himmel. In dieser Höhe, mit genügend Abstand zum Lichtsmog der urbanen Regionen, ein unfassbar schöner Anblick der uns demütig macht.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne und der Neuschnee hat das Gesicht der Bergwelt verändert. Wir reisen nur ungern aus dieser Traumkulisse ab, wissen aber dass wir reich beschenkt nach Hause fahren.

Wir kommen wieder.

Rudolfshütte

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