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Wie wenig ist genug? Über die Zukunft der Bergsteigerdörfer

Ein klarer Gebirgsbach, über den eine Holzbrücke führt, am Ufer drüben ein Kastanienbaum im herbstlichen Blätterkleid. Etwas dahinter eine entzückende Kirche, der Horizont von atemberaubenden Gipfeln und pausbackigen Wolken gesäumt. Ohne Zweifel ein Motiv, das viele Gäste, Erholungssuchende und Instagrammer anzieht. Und wie gemacht für die Jahrestagung der Bergsteigerdörfer, eine Initiative des Österreichischen Alpenvereins, die sich der nachhaltigen touristischen Entwicklung des Alpenraums verschrieben hat. Vertreterinnen und Vertreter aller 29 bisher mit diesem Prädikat ausgezeichneten Bergsteigerdörfer sind Mitte Oktober nach Ramsau in Berchtesgaden gekommen, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie die Orte zukünftig mit dem Tourismus umgehen sollen – im Einklang mit der Natur. Die Stimmung unter den Teilnehmern ist – wie jedes Jahr – harmonisch und positiv, trifft man sich doch hier mit Menschen, die im selben Boot sitzen. 

In den Workshops wird schnell klar, dass die malerische Idylle von Werbeprospekten bisweilen trügt, dass der Weg des naturnahen Tourismus mit etlichen Hürden gespickt ist. Da gibt es einerseits jene Dörfer, meist verkehrstechnisch abgelegen und mit schwacher Infrastruktur, die sich vom Status des Bergsteigerdorfs einen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffen, ohne dabei die eigene Identität über Bord werfen zu müssen. Der Landwirt mit seinem Direktvermarktungsbetrieb, die Betreiber einer Frühstückspension, Käserei oder Almhütte – sie alle wollen „den Jungen“ eine wirtschaftliche Existenz, einen “Grund zum Bleiben“ geben. Viele dieser Dörfer haben sich jahrelang an großen Tourismusdestinationen orientiert und deren Konzepte nachgeahmt, ohne zu berücksichtigen, dass die Rahmenbedingungen andere sind. Auch heute fehlt es unter dem Rechtfertigungsdruck der breiten Öffentlichkeit manchmal am Mut, den weniger populären Weg einer nachhaltigen Entwicklung konsequent zu gehen. Er scheint weniger opportun als etwa der Bau eines neuen Lifts, der raschen wirtschaftlichen Erfolg verspricht.

Und dann gibt es andererseits eine Reihe von Bergsteigerdörfern im Sog großer Tourismusdestinationen oder Einzugsgebiete, die andere Schwierigkeiten zu bewältigen haben. Dort dient das Prädikat Bergsteigerdorf eher als Lenkungsinstrument in der strategischen Entwicklung dieser Regionen. Es mutet beinahe ein wenig irrwitzig an, wenn Gäste, die ihren Urlaub etwa im vom Tourismus geprägten Berchtesgaden verbringen, sich auf einen Tagesausflug im nahe gelegenen Bergsteigerdorf Ramsau erholen – abends kehren sie nach Berchtesgaden zurück, dort bleibt letztlich auch der größte Teil der Wertschöpfung. Trotz allem braucht es die großen touristischen Spielplätze im Alpenraum, denn nachhaltiger Tourismus wird Massentourismus nie vollständig ersetzen können.

Gemein ist allen Bergsteigerdörfern der schmale Grat zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, die „ein gutes Leben“ ermöglicht, und dem Ausverkauf ihrer Lebensgrundlage in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach Erholung inmitten unverbrauchter Natur besonders groß ist. Die Menschen in den Dörfern sind jedenfalls Teil der Lösung. Bergsteigerdörfer sind kein reines Tourismusprojekt, sondern ein Projekt für nachhaltige Regionalentwicklung mit Tourismusaspekten. Dabei wird es womöglich auch eine Rolle spielen, Menschen aus dem urbanen Raum für einen Coworking-Arbeitsplatz auf dem Land zu begeistern und damit neue Ideen und Interaktionen zu erschließen. Weitere Chancen liegen in der Veredelung landwirtschaftlicher Produkte und in kundennahen Angeboten, die mit ihrer Qualität punkten.

Christof Schett

CEO, Gründer der Freizeitproduktionen GmbH. Viele Jahre seiner Kindheit hat Christof auf einer Almhütte auf der Oberstalleralm in Innervillgraten verbracht. Die Ursprünglichkeit und Ruhe der Sommermonate auf der Oberstalleralm hat Christof als Kind verinnerlicht. Sie inspirieren ihn bis heute und haben seinen Weg zum diplomierten Umwelttechniker, Automatisierungstechniker und Profisnowboarder stets begleitet. Heute leitet Christof die von ihm gegründete GmbH, welche die Entwicklung von touristischen Konzepten, Events und Incentives im Outdoorbereich mit Schwerpunkt zukunftsfähiger Naturtourismus anbietet. Als Touren- und Reiseanbieter führt er Menschen an ganz besondere Plätze abseits ausgetretener Touristenpfade.

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